Logotherapie und Existenzanalyse
Die Frage nach dem Sinn menschlichen Daseins ist das
zentrale Problem im Lebenswerk von Viktor Frankl. Er
wagte sich in das Grenzgebiet zwischen Psychotherapie
und Philosophie, und zwar nicht aus intellektueller
Spiellust, sondern weil er unzufrieden war mit den in
der damaligen Psychotherapie vorhandenen Konzepten und
Methoden. Es ging ihm um die Erweiterung der Einsicht
in das Wesen des Menschen, weshalb er den biologistischen-psychologistischen
Rahmen des überkommenen Menschenbildes sprengte, in
dem er zur philosophischen Anthropologie vorstieß.
Bereits 1933 formulierte er in einem Satz, was später
zu seinem großen psychotherapeutischen Thema werden
sollte: "Ich kann mir nicht vorstellen, daß einen Menschen
mehr dazu befähigt, subjektive Beschwerden und objektive
Schwierigkeiten zu ertragen oder zu überwinden, als
das Gefühl, eine Aufgabe zu haben - eine Mission!"
Vor Frankl sind schon andere über einen bio-psychischen
Verständnisrahmen hinausgegangen, so beispielsweise
C.G. Jung, der die Neurose als "Leiden der Seele" beschrieb,
die ihren Sinn nicht gefunden habe. Viktor Frankl ging
aber am leidenschaftlich-sten und am konsequentesten
diesen Weg: "Wo ist jene therapeutisch interessierte
Psychologie, die die höheren Schichten ... menschlicher
Existenz in ihren Aufriß einbezöge und in diesem Sinn
und im Gegensatz zum Wort von der "Tiefenpsychologie"
den Namen "Höhenpsychologie"' verdiente? Wo ist, mit
anderen Worten, jene Theorie vom schlechthin seelischen
und im besonderen neurotischen Geschehen, die über den
Bereich des Psychischen hinausgehend die gesamte menschliche
Existenz, in all ihrer Tiefe und Höhe, berücksichtigte
und demgemäß als Existenzanalyse bezeichnet werden könnte?"
Diese Frage warf Frankl in seiner 1938 erschienen Arbeit
"Zur geistigen Problematik der Psychotherapie" auf.
Im gleichen Jahr erscheint der Aufsatz "Seelenärztliche
Selbstbestimmung" und 1939 "Philospohie und Psychotherapie".
In diesen drei Arbeiten sind die Themen der Logotherapie
und Existenzanalyse eingeführt; sie sind streng bezogen
auf den Ausgangspunkt: "Der Mensch auf der Suche nach
Sinn". Die Logotherapie ist eine psychotherapeutische
Behandlungsmethode, während die Existenzanalyse eine
anthropologische Forschungsrichtung darstellt.
"Logos" bedeutet - einer philosophischen Tradition
entsprechend - in diesem Zusammenhang "Sinn". Logotherapie
heißt also nicht, daß man versucht, dem Patienten "mit
der Logik zu kommen", noch hat es etwas zu tun mit der
Logopädie (Sprachheilkunde), ein Wort, das erst später
geprägt wurde. Und Existenzanalyse bedeutet nicht: Analyse
der Existenz, sondern Analyse auf Existenz hin, auf
eigenverantwortetes, selbstgestaltetes und menschenwürdiges
Leben hin. Als Forschungsrichtung arbeit die Existenzanalyse
an den allgemeinen Bedingungen sinnvollen Daseins, als
"spezielle Existenzanalyse" wird das konkrete, individuelle
Leben eines Patienten, eines Klienten oder einer Gruppe
auf bestmögliche Sinnfülle hin durchleuchtet.
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