...trotzdem Ja zum Leben sagen
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Auf dramatische Weise wurden für Viktor Frankl
die Jahre, die er in Konzentrationslagern verbrachte,
zu einem Test seiner Lehren. Und diese Zeit bedeutete
für ihn zutiefst eine existentielle Bestätigung
der Richtigkeit seiner Auffassungen. Die Lagerjahre
zeigten ihm in aller Deutlichkeit, daß der Mensch
seine Menschlichkeit verliert, der Sinn in seinem
Leben verliert. In gleicher Weise erfuhr er, daß
kein menschliches Leben seinen Sinn zu verlieren
braucht, unter keinen Umständen, nicht einmal
in Auschwitz. 1945 diktierte er in neun Tagen
sein Buch "Ein Psycholog erlebt das Konzentrationslager",
das auch als "...trotzdem Ja zum Leben sagen"
weltweit bereits Millionen von Menschen bewegte
und zum Leben ermutigte.
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Hier einige Zitate aus diesem Werk, die nicht nur die
Grundgedanken der Logotherapie und Existenzanalyse erkennen
lassen, sondern auch den Menschen Viktor Frankl lebendig
machen:
Während wir kilometerweit dahinstolpern, im Schnee
waten oder auf vereisten Stellen ausgleiten, immer wieder
einander stützend, uns gegenseitig hochreißend und vorwärtsschleppend,
fällt kein Wort mehr, aber wir wissen in dieser Stunde:
jeder von uns denkt jetzt nur an seine Frau...
Mein Geist ist jetzt erfüllt von der Gestalt, die er
in jener unheimlich regen Phantasie festhält, die ich
früher, im normalen Leben, nie gekannt hatte. Ich führe
Gespräche mit meiner Frau. Ich höre sie antworten, ich
sehe sie lächeln, ich sehe ihren fordernden und ermutigenden
Blick...
Das erste Mal in meinem Leben erfahre ich die Wahrheit
dessen, was so viele Denker als der Weisheit letzten
Schluß aus ihrem Leben herausgestellt und was so viele
Dichter besungen haben; die Wahrheit, daß Liebe irgendwie
das Letzte und das Höchste ist, zu dem sich menschliches
Dasein aufzuschwingen vermag. Ich erfasse jetzt den
Sinn des Letzten und Äußersten, was menschliches Dichten
und Denken und - Glauben auszusagen hat: die Erlösung
durch die Liebe und in der Liebe! Ich erfasse, daß der
Mensch, wenn ihm nichts mehr bleibt auf dieser Welt,
selig werden kann - und sei es auch nur für Augenblicke
-, im Innersten hingegeben an das Bild des geliebten
Menschen. In der denkbar tristesten äußeren Situation,
in eine Lage hineingestellt, in der sich nicht verwirklichen
kann durch ein Leisten, in einer Situation, in der seine
einzige Leistung in einem rechten Leiden - in einem
aufrechten Leiden bestehen kann, in solcher Situation
vermag der Mensch, im liebenden Schauen, in der Kontemplation
des geistigen Bildes, das er vom geliebten Menschen
in sich trägt, sich zu erfüllen...
So wenig meint Liebe die körperliche Existenz des Menschen,
so sehr meint sie zutiefst das geistige Wesen des geliebten
Menschen, sein "So-sein" (....), daß sein "Dasein",
sein Hier-bei-mir-sein, ja seine körperliche Existenz
überhaupt, sein Am-Leben-sein, irgendwie gar nicht mehr
zur Diskussion steht...
Zum tausendsten Mal ringst du um eine Antwort, ringst
du um den Sinn deines Leidens, deines Opfers - um den
Sinn deines langsamen Sterbens. In einem letzten Aufbäumen
gegen die Trostlosigkeit des Todes, der vor dir ist,
fühlst du deinen Geist das Grau, das dich umgibt, durchstoßen,
und in diesem letzten Aufbäumen fühlst du, wie dein
Geist über diese ganze trostlose und sinnlose Welt hinausdringt
und auf deine letzten Fragen um einen letzten Sinn zuletzt
von irgendwoher dir ein sieghaftes "Ja!" entgegenjubelt...
Wer von denen, die das Konzentrationslager erlebt haben,
wüßte nicht von jenen Menschengestalten zu erzählen,
die da über die Appellplätze oder durch die Baracken
des Lagers gewandelt sind, hier ein gutes Wort, dort
den letzten Bissen Brot spendend? Und mögen es auch
nur wenige gewesen sein - sie haben Beweiskraft dafür,
daß man dem Menschen im Konzentrationslager alles nehmen
kann, nur nicht: die letzte menschliche Freiheit, sich
zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen.
Und es gab ein "So oder so"!...
Hat dieses ganze Leiden, dieses Sterben rund um uns,
einen Sinn? Denn, wenn nicht, dann hätte es letztlich
auch keinen Sinn, das Lager zu überleben. Denn ein Leben,
dessen Sinn damit steht und fällt, daß man mit ihm davonkommt
oder nicht, ein Leben also, dessen Sinn von Gnaden eines
solchen Zufalls abhängt, solch ein Leben wäre nicht
eigentlich wert, überhaupt gelebt zu werden...
Wehe dem, der kein Lebensziel mehr vor sich sah, der
keinen Lebensinhalt mehr hatte, in seinem Leben keinen
Zweck erblickte, dem der Sinn seines Daseins entschwand
- und damit jedweder Sinn eines Durchhaltens...
Wir müssen lernen und die verzweifelnden Menschen lehren,
daß es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was
wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich
darauf: was das Leben von uns erwartet!...
Das Leben im Konzentrationslager ließ zweifelsohne
einen Abgrund in die äußersten Tiefen des Menschen aufbrechen.
Soll es uns da wundern, daß in diesen Tiefen auch wieder
nur das Menschliche sichtbar wird? Das Menschliche als
das, was es ist -, als eine Legierung von gut und böse!
Der Riß, der durch alles Menschsein hindurchgeht und
zwischen gut und böse scheidet, reicht auch noch bis
in die tiefsten Tiefen und wird eben auf dem Grunde
auch noch dieses Abgrunds, den das Konzentrationslager
darstellt, offenbar. Wir haben den Menschen kennengelernt
wie vielleicht bisher noch keine Generation. Was also
ist der Mensch? Er ist das Wesen, das immer entscheidet,
was es ist. Er ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden
hat; aber zugleich ist er auch das Wesen, das in die
Gaskammern gegangen ist aufrecht und ein Gebet auf den
Lippen.
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